Einleitung

Auf der Suche nach Dokumenten über Revenow, entdeckte ich im Kreisarchiv Nordfriesland einen

Bericht über zwei Fahrten nach Revenow von 1972, geschrieben von Günter Jess.

 

Dieser Bericht wurde später von einem Paul Mildebrath an das Heimatarchiv des Kreises Cammin übergeben.

 

Von den Nachkommen von Günter Jess habe ich die Genehmigung erhalten, den Bericht auf dieser Webseite zu veröffentlichen.

 

Vielen lieben Dank!

 

Zwei Fahrten nach Revenow, Kreis Cammin 1972.

Liebe Revenower!

 

Im Sommer und Herbstanfang 1972 habe ich mit Familienangehörigen von meinem jetzigen Wohnort Wolgast aus zwei Reisen in unser Heimatdorf Revenow gemacht. Das erste Mal mit meinem Sohn, das zweite Mal mit meiner Frau. Der Plan dazu bestand bei mir schon lange und wurde nun durch die neuen Abmachungen der DDR mit Polen über den Grenzverkehr sehr leicht gemacht.

 

An einem freien Freitag ging die Fahrt los. Auf meinem Motorrad „Star“ fuhr ich mit meinem Sohn nach Ahlbeck. Hier blieb mein Rad stehen, da es noch nicht soweit ist, dass man mit seinem eigenen Fahrzeug hinüber kann.

 

Von Ahlbeck gingen wir 2 km zu Fuß nach Swinemünde, ließen uns mit der Fähre nach Ostswine übersetzen, in die Nähe einer Bushaltestelle und schon gings ab mit dem Bus in Richtung Cammin, über Misdroy und Dievenow. Nach 1 ½ Stunden kamen wir auf dem Halteplatz gegenüber dem neuen Bahnhofsgebäude in Cammin an.

 

Da uns ein Bus in Richtung Revenow vor der Nase wegfuhr, nahmen wir uns eine Taxe, um schnell zu unserem Ziel zu kommen. Hier sind die Fahrpreise für Taxen billig gegenüber den unserigen. Wir kamen an Klein-Revenow vorbei, und man sah von der Chaussee aus ehemals Klawitter / Strucks Haus.

 

Die Gehöfte von Zillmann, Wilde und Fuchs stehen scheinbar noch. Bei Fuchs konnte man ein durchlöchertes Dach erkennen. Sonst waren es die Bäume, die uns die Sicht nahmen. Nach Revenow, am Chausseehaus vorbei, kamen wir etwa um ½ 10 Uhr. Wir ließen uns am Eingang des Ortes absetzen und wanderten langsam die Dorfstraße hinunter. Jetzt konnte man hier und da auf die freien Hoflagen sehen, was früher nicht möglich war.

 

Es fehlte also mal ein Stall, mal eine Scheune, so z.B. bei Krüger. Die alten Scheunen mit Strohdach bei Stocks stehen noch. Wie wir später erfuhren, sollte die Scheune bei Grete Stock abgerissen werden. Der Gartenzaun bei Grete Stock ist heute noch da.

 

Wenn ich mich recht erinnere, haben wir den einmal mit Vater dort gesetzt. Die Schule sah neu verputzt aus, die große Hecke um das Haus ist verschwunden. Die Pumpe ist noch in Betrieb. Bei Wendt fehlen auch Stall und Scheune. Dort hat man an der Straße eine LPG- Schmiede gebaut. Bei Herzberg, so glaube ich, war alles weg.

 

Bei Mantheis ist das alte Haus durch ein neugebautes ersetzt worden. Die Hecke lässt kaum zu, das Haus zu sehen. Das Tagelöhnerhaus (Busacker) ist nicht mehr. Unsere und Pieper Scheune sind durch einen Brand von Kinderhand verschwunden. Der Kuhstall ist bei uns noch stehen geblieben. Am saubersten sah mir die Hoflage mit Garten von Frädrich aus. Eine Verkaufsstelle wurde gebaut, wo Piepers Tagelöhner mal gewohnt haben. Das größte Bauwerk aber ist jetzt das Bürohaus der LPG; gebaut, wo Walter Pommerening früher seine Werkstatt hatte.

 

Das Gasthaus steht und soll auch in Betrieb sein; drin war ich nicht. Ich habe sicher nicht alles erwähnt. Die Bäume sind alle größer geworden, die Hecken dichter, und Unkraut wächst auch genug. So kommt einem der Ort in der Natur etwas fremd vor. Das mag daher kommen, weil man so lange nicht da war.

 

Jetzt weiter!

 

Wir wollten nun ja mal mit jemand sprechen, versuchten es hier und da, aber keiner verstand deutsch oder russisch, und so wollten wir schon wieder auf der Straße weitergehen, als uns jemand in polnisch ansprach.

 

Ich fragte darauf, ob er nicht deutsch verstände oder russisch, er verneinte. Als wir uns umdrehten, fragte er plötzlich auf deutsch: „Wo wollen sie hin?“ Jetzt hatten wir also einen Dolmetscher gefunden. Ein nach dem Kriege hängengebliebener Deutscher, in Litzmannstadt geboren, hat uns dann gute Dienste geleistet. Er hatte während des Krieges in der deutschen Wehrmacht gedient und sagte uns, dass er durch seine eigene Dummheit dort sitzen geblieben wäre. 1956 versuchte er rauszukommen; sein Antrag wurde aber abgelehnt. Mit diesen Mann gingen wir nun zu unserer Hoflage und auf meine Bitte hin an die Tür unseres Hauses, in dem jetzt der Bürgermeister des Ortes wohnt.

 

Leider aber war die Tür verschlossen und niemand zu Hause. So bleiben wir erst mal vor unserer Schmiede stehen. Der Schmied, mit dem wir durch unseren Dolmetscher in Verbindung kamen, wurde begrüßt und informiert, dass wir einst hier wohnten und arbeiteten. Er machte ein freundliches Gesicht und erlaubte uns, die Schmiede zu besichtigen.

 

In meinen Augen war es in dem jetzigen Zustand eine richtige Schrottbude. Vor der Schmiede rechts und links und darin überall Schrotthaufen. Scheinbar ist es für ihn schwierig Neumaterial zu bekommen. Wir deuteten an, dass wir den Bürgermeister noch besuchen würden und verabschiedeten uns.

 

Unser Dolmetscher lud uns jetzt in sein Haus ein. Seine Frau war aber nicht zu Hause, und es sah auch nicht gerade einladend aus. Er erzählte uns dann, dass er seine Wohnung seinen Kindern zur Verfügung gestellt hätte und selbst nur ein Zimmer bewohne. Es ist das Haus von Grete Stock.

 

In der Mitte des Hofes ist ein Zaun, die Hoflage ist also geteilt. In dem Tagelöhnerhaus, das Fr. Stock früher einmal erbauen ließ, wohnt der Schmied, der in unserer Schmiede arbeitet; das ist noch eine Privatschmiede.

 

Wir haben dann bei diesem Dolmetscher, der übrigens deutsch, polnisch und fließend russisch spricht, über 2 Stunden gesessen und erzählt. Er zeigte uns seine sämtlichen Papiere, unter anderem auch die Bestätigung, dass er seit 1931 Mitglied der KPD war.

 

Er betonte aber, dass er noch immer deutsch denke und auch danach handle. Nur müsse er zwangsweise mit den Polen leben und arbeiten. Jetzt sei er 67 Jahre und da hätte eine Ausreise für ihn wohl keinen Zweck mehr. Er arbeitet aber noch in Cammin.

 

Dann zeigt er uns seinen Garten und meint: „Bedient Euch, damit ihr sagen könnt, ihr habt von uralt deutscher Erde nochmal Erdbeeren gegessen.“ Es wurde Mittag, wir drängten schon, dass wir auch wieder nach Hause wollten, möchten aber gerne nochmal in unser Haus schauen. So gingen wir dann um die Mittagszeit zu unserer alten Hoflage. Wir hatten schon erfahren, dass der Bürgermeister inzwischen zu Hause gekommen war.

 

Ja, der Dolmetscher meldete uns an, und wir durften in der Küche am Tisch Platz nehmen. Dort waren schon versammelt der Bürgermeister mit Frau, der Schmied, den wir ja vormittags begrüßt hatten und ein Pole, der zu Hitlers Zeiten einmal in Würzburg arbeiten musste.

 

Wahrscheinlich hatte man uns schon erwartet. Man bot uns belegte Brötchen an, schenkt uns Schnaps, Eier und Wein ein; dazu noch ein Zitronengetränk. Der Schnaps war 95 % Sprit, gemischt mit Brause; er schmeckte ausgezeichnet. Im Laufe der Zeit gabs auch noch polnische Würstchen. Ja, die Gastfreundschaft war groß.

 

Und was das Wichtigste war, man wollte sich mit uns unterhalten und wollte von uns wissen, wie wir über die heutigen Zustände dächten. Man betonte uns gegenüber gleich, dass sie sich nicht selbst in unser Eigentum hinein gesetzt hätten, sondern hineingesetzt worden wären. Es schien uns so, als hätten die Polen Gewissensbisse.

 

Wir wissen aber sehr genau, wie dies alles gekommen ist und können diesen Menschen deswegen keine Vorwürfe machen.

 

Der Dolmetscher verwand dann um 16 Uhr, weil er eigentlich schon um 15 Uhr auf seine Arbeitsstelle sein musste. Jetzt ging der Bürgermeister mit mir hinaus, zeigte alle Stallungen und sein Vieh. Anschließend ging er mit mir zur Feldmark und über den Acker, den wir einst bestellt und abgeerntet haben.

 Zu Hause wieder angekommen wurde nochmal getrunken. Mein Sohn hatte sich solange mit den anderen Leuten unterhalten, so gut wie es eben ging, auf deutsch, polnisch oder russisch.

 

Aufnahmen hat er auch gemacht, die Bilder sind leider nicht sehr gut geworden. Jetzt war es soweit, dass wieder ein Bus nach Cammin fuhr, Haltestelle Chausseehaus. Bis dahin brachte uns der Bürgermeister persönlich.

 

Vor dem Chausseehaus ist heute eine Obstblaumplantage mit Erdbeeren, in der man gerade die reifen Früchte pflückte. Der Bürgermeister winkte einen Pflücker heran, ließ sich die Hände voll Erdbeeren geben und schenkte uns auch diese noch zum Essen. Der Bus kam, wir verabschiedeten uns und die Fahrt ging wieder zurück nach Cammin.

 

Hier wollten wir uns noch ein wenig die Stadt ansehen. Als wir uns umdrehten, stand der Dolmetscher hinter uns, er hatte schon auf uns gewartet. Er kannte sich sehr gut aus und wusste überall Bescheid. Er ging mit uns durch die Stadt.

 

Vor seiner Arbeitsstätte verabschiedeten wir uns dann. Sein Wunsch war, wir sollten ihm doch Zigarettenpapier und eine Zigarettenspitze zusenden. Ich habe alles gleich abgeschickt – Er hat mir auch schon geschrieben, das Päckchen hatte er aber noch nicht. Über Cammin dann später noch einmal.

 

Der Bürgermeister, der mir im Laufe unseres Beisammenseins die Freundschaft anbot und mir daraufhin die Hand gab, bot uns an, bei ihm zu Übernachten. Ich lehnte aber ab, da ich am nächsten Tage arbeiten musste. Er fragte aber gleich, wann ich wieder käme. Ich habe ihn dann eingeladen, mich in Wolgast zu besuchen. Es wurde zugesagt, und zwar mit vier Mann. Da wird also der Schmied sicher auch dabei sein. Ende August sollte es wahrscheinlich was werden. Der Dolmetscher wird die Sache wohl in Gang setzen und mir dann genaueres schreiben.

 

Insgesamt gesehen war die Reise nach Revenow interessant, in gewisser Hinsicht beeindruckend. Ich war erstaunt über so viel Gastfreundschaft. Im Laufe des Nachmittags kam auch noch der alte Bürgermeister dazu.

 

Wie ich erfuhr, ist es Verwandtschaft. Bei diesem alten Bürgermeister hatte meine Schwester seinerzeit Unterschlupf gefunden. Er konnte sich daran erinnern. Das kam aber erst später ins Gespräch. Wir traten dann von Cammin die Rückreise an.

 

2. Bericht

Unseren Plan, Revenow, Jassow und Cammin noch einmal zu besuchen, haben wir dann nach unserem Urlaub in Thüringen wahr gemacht.

 

An einem frühen Sonnabend bin ich mit meiner Frau losgefahren und wir waren bald wieder über Ahlbeck, Swinemünde, Dievenow, in Cammin, das wir nun erst einmal näher besichtigen wollten.

 

Der Bahnhof ist ganz neu aufgebaut, sehr flach, aber auch mit Gaststätte. Von dem Busbahnhof, so kann man ihn nennen, fahren viele Busse in alle Richtungen. Mir schien, dass der Busverkehr hier noch mehr ausgebaut wurde, als in der DDR. Fast sämtliche Straßen sind heute in Cammin asphaltiert. Sehr schön ist die Anlage in der früheren Wiekstraße zum Kreishaus hin. Dieses steht noch genauso da, wie früher; es war auch nicht zerstört. In der Wiekstraße sieht man heute nur noch sehr wenig alte Häuser.

 

Ein Haus fiel mir auf, das von Bäcker Huxdorf, wenn ich nicht irre. Darin ist wahrscheinlich auch ein Laden, aber kein Bäcker. Das Haus davor, klein und angebaut, steht ebenfalls noch. Unser Weg ging nun geradeaus zur Domschule.

 

Die Domschule, das Direktorhaus und der Dom stehen noch genauso da, wie früher. Auch die Häuser in der Straße, das Pastorenhaus, das Altenheim oder kirchliche Schwesterheim. Alles ist mir auch nicht mehr so in Erinnerung. Fotografiert habe ich genug, ich will hoffen, dass die Bilder geworden sind. Am Dom vorbei gingen wir dann am Bodden entlang. Die Marienkirche war ebenfalls zu sehen. Es wundert mich, dass dieses Kirche alles überstanden hat. Die alte Stadtmauer schien mir ausgebessert zu sein, sie hatte sicher sehr gelitten, da vom Rathausplatz zum Wasser hin alle Häuser verschwunden sind. Die Anlegerbrücke am Bodden ist neu entstanden.

 

Das Rathaus, das während der Kämpfe schwer beschädigt worden war, ist mit viel Aufwand und Kosten wieder vollständig renoviert. In Richtung Friedrichstraße und Baustraße steht nur das alte Bautor noch. Die Bierbrauerei ist verschwunden. Was dort sonst war, weiß ich gar nicht mehr; früher hat man sich gar nicht so darum gekümmert. Der Rathausplatz ist nicht wieder zu erkennen. Früher spielte sich das ganze Geschäftsleben dort doch hauptsächlich ab. Heute sind rund herum moderne, hochgeschossige Wohnhäuser gebaut worden oder im Bau.

 

Ich wollte dann weiter unsere ehemalige alt-lutherische Kirche aufsuchen, diese aber ist verschwunden. Das Postgebäude und das frühere Pfarrhaus sind erhalten. Nun gingen wir wieder zur Wiekstraße hinunter, ich weiß nicht, wie die Straße damals noch hieß. Wir sahen die Bergkirche, Steffens Hotel, wo man einen Aufbau machte, die Stadtschule, das Amtsgericht und die Feuerwehr.

 

Jetzt drängte die Zeit, es ging wieder zum Bahnhof.

 

Mit einer Taxe ließen wir uns nach Jassow fahren und am Ortseingang absetzen. Der erste Gang war zum Friedhofsgelände von ehemals.

Von der Kirche sahen wir fast gar nichts mehr, die einst so schön da stand. Und von dem Friedhof zeugte nur noch die Heckenumrandung und wenige Grabsteine. Es stand ein Stein von Hermann Stock, geboren 1876, ein Stein, eingemeißelt: Elisabeth oder Elsbeth Stock, geboren 1876 und ein Stein von Ebert-Rarvin.

 

Alle anderen Steine waren am Ende des Friedhofes abgelegt. Wir haben danach weiter nicht geschaut. Der ganze Friedhof ist eben und mit Gras bewachsen. Kühe hatten ihr Futter dort auch schon gesucht.

 

Hier würde es mich ein zweites Mal nicht hinziehen.

 

In Jassow kenne ich nur wenige Hoflagen, mir schien, dass alle Häuser und Stallungen noch so standen, wie einst. Von der alten Kirche machte ich einige Aufnahmen. Die Hoflage von Onkel Paul Bartelt interessierte uns. Die Hoflage ist getrennt von dem Haus. Vorne stand seinerzeit das Haus, wo Großmutter immer noch wohnte, bevor sie in das große Haus einzog.

 

Wurde dieses Haus dann nicht abgerissen? Das entzieht sich meiner Kenntnis.

 

Jedenfalls steht heute auf demselben Fleck ein scheinbar vor Jahren neu erbautes Haus. Darin wohnt vermutlich der Bauer des Hofes. Die Ställe stehen außer dem Schafstall. Das Haus von Onkel Paul wurde als Schule eingerichtet. Wir waren bis an den Schulzaun. Die ehemalige Schule schien als Kindergarten genutzt zu werden. Ich sah die bekannten Höfe von Kienaß, Winter, Krüger, Wollert und Stock.

 

Jetzt kehrten wir Jassow den Rücken und gegen den altbekannten Weg am Bahnhof vorbei nach Revenow. Bahnverkehr scheint wenig zu sein, aber tot sind die Gleise sicher nicht. Das Bahnhofsgebäude sah recht gut aus, vielleicht neuverputzt. Der alte Warteraum auf dem Bahnhof war es nicht mehr. Dafür stand eine kleine Wartezelle ein paar Schritte weiter. Das Gehöft von Buntrock will ich noch erwähnen; es stand da, wie früher. Der Tümpel am Wege, so schien es, wird immer kleiner.

 

Nun also nach Revenow. Solange ging es mit dem Wetter, aber jetzt sah es nach Regen aus. Als wir Revenow näher kamen, fing es an zu regnen.

 

Angelangt an der Chaussee musste ich feststellen, dass Treupommerland verschwunden ist. Das ist mir beim ersten Besuch gar nicht aufgefallen. Das Gehöft von Buntrock (Pump) steht.

 

Wie es nun der Zufall wollte, war plötzlich hinter uns jemand mit dem Fahrrad. Es war der Bürgermeister, der, wie er uns sagte, von Jassow, von der Gemeinde kam. Das erste nach der Begrüßung war, dass wir mitgehen sollten.

 

Wir hatten vor, erst zum Dolmetscher zu gehen. Der Bürgermeister aber sagte mit den wenigen Worten, die er deutsch konnte, dass Schaper (Dolmetscher) in Cammin wäre, also nicht zu Hause sei. So waren wir gleich wieder Gäste bei dem Revenower Bürgermeister. Später wurde Schaper benachrichtigt. Er kam aber erst gegen ½ 5 Uhr.

 

Inzwischen hatte uns der Bürgermeister die ganze Wohnung gezeigt. In unserer früheren Wohnstube waren neue, schöne Möbel. Sonst hatte er Möbel älterer Art mitgebracht oder gekauft. Ich wurde sogar gefragt, ob ein Spind noch von uns stammte. Dies musste ich verneinen. Von unseren Möbeln habe ich keine mehr gesehen.

 

Im Laufe des Nachmittags war der Tisch ständig gedeckt. Als Getränk gab es Tee. Zwischendurch wurde auch mal Schnaps getrunken. Der Bürgermeister selbst ist magenkrank, aber operieren will er sich nicht lassen und nimmt immer seine Medizin. Der Schmied, den der Bürgermeister noch einlud, erschien nicht. Er ließ sagen, er müsste arbeiten. Es gesellte sich aber ein anderer Gast zu uns, der Nachbar von dem Dolmetscher Schaper. Das Überraschende, er sprach auch deutsch. Angeblich ist er in Wismar geboren.

 

Er war schon etwas angetrunken und machte sich nicht gerade beliebt, als die Tochter des Bürgermeisters mit ihrem Mann noch am Tisch Platz nahmen. Mittlerweile kam dann auch Schaper und nun dauerte es nicht lange, da verließ der ungebetene Gast das Zimmer. So saßen wir dann bis ½ 24 Uhr.

 

An ein Zurück am selben Tage war schon längst nicht mehr zu denken. Man hatte uns aber auch gleich zum Übernachten eingeladen. Da am Sonntag ein Bus um ½ 8 von Revenow bis Swinemünde durchfuhr und Hagel und Schnee hernieder ging, blieben wir eine Nacht in Revenow; wir schliefen auf einer Doppelbettcouch.

 

Erwähnen möchte ich noch folgendes, wir wurden gefragt, ob wir hier noch Geheimnisse hätten, dann sollten wir es ruhig sagen, man würde uns bei der Suche helfen. Geheimnisse hatten wir wirklich keine.

 

Man nahm vielleicht an, dass wir noch etwas versteckt oder vergraben hätten und es heute wieder haben möchten. „Sollte jemand von unserer Familie dort noch etwas haben, so lasst es mich mal wissen“, sagte der Bürgermeister.

 

Am Sonntag also ging es wieder nach Hause, denn am Nachmittag sollte die Taufe unseres Enkelkindes sein; da hatten wir schon Sorge, ob wir noch rechtzeitig hinkommen würden. Meine Frau bangte auch wegen dem Motorrad, das auf dem Parkplatz in Ahlbeck ohne Nachtwache stand.

 

An der Grenze, beim Übergang stellte ich fest, dass ich meine Jacke mit den Papieren in Revenow hängen gelassen hatte. Ich versuchte nun, ob man mich so passieren ließ, dies aber misslang. Es blieb mir nichts weiter übrig, als zurück zu fahren und meine Sachen zu holen.

Meine Frau fuhr nach Hause, und ich nahm eine Taxe und ab gings über Wollin nach Revenow. Dort hat man noch gar nicht gemerkt, dass meine Jacke noch im Zimmer hing. Da der Stuhl in einer Ecke stand, war es nicht aufgefallen. Dann ging es in Eile wieder zurück nach Swinemünde.

 

Ich passierte die Grenze und fuhr mit meinem „Star“ nach Hause; es war 14 Uhr und 15 Minuten. Inzwischen hatte meine Frau schon unseren Sohn und seine Frau informiert. Niemand hatte damit gerechnet, dass ich der Erste in der Kirche war. Die Taufe begann und meine Frau konnte auch noch Taufpate sein.

 

So schließe ich den Bericht über die zweite Reise in unsere Heimat. Wann oder ob es ein drittes Mal sein wird, weiß ich heute noch nicht. Ich hoffe aber, dass meine Reiseberichte unsere Revenower interessieren werden.

 

Und Grüße alle in alter Verbundenheit

 

Günter Jess